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Erfahrungsbericht des Ethnobotanikers Dr. Wolf-Dieter Storl


Natürliche Heilungsmöglichkeiten der Lyme-Borreliose
Von Dr. Wolf-Dieter Storl, Ethnobotaniker

In dem nächtlichen Schwitzhüttenritual, an dem ich vor sieben Jahren teilnahm, herrschte kein guter Geist. Es zog durch Ritzen der schlecht isolierten Hütte. Als ich in der Morgendämmerung im taunassen Gras rollte, um mich abzukühlen, biss sich mir eine Zecke unter dem Bauch fest. Gemerkt habe ich das aber erst zwei Tage später. Das Spinnentier hatte mich in einer immunschwachen Situation, als ich sowieso überarbeitet und gestresst war, angefallen. Bald darauf formte sich der rote, wandernde Ring, das sogenannte Erythema migrans. Auch sonst fühlte ich mich nicht wohl, war schlapp und reizbar, hatte Kopfschmerzen, konnte schlecht schlafen, nicht mehr scharf sehen und der Lymphknoten in der Leiste schwoll etwas an. Dr. Häringer, ein bekannter Arzt, der sich sonst sehr für die Phytotherapie engagiert, diagnostizierte Borreliose und redete mir eindringlich ins Gewissen: „Bei der Borreliose hört es mit den Kräutern auf, hier helfen nur Antibiotika, und zwar massiv!“ In drastischen Bildern malte er den Verlauf der durch Zeckenbiss übertragenen Ansteckung mit dem Bakterium Borrelia burgdorferi aus: Wenn man nicht sofort mit den Antibiotika anrückt, wird es in dem zweiten Stadium der Infektion zu neurologischen Ausfällen, Lähmungen, Arthritis, eventuell auch Gehirnhautentzündung (Meningoencephalitis) oder auch Karditis (Herzentzündung) kommen. Im dritten Stadium landet man im Rollstuhl, weil die Gelenke versagen, und zuletzt kann es zu Störungen der Bewegungskoordination (Ataxie), wandernder Gelenkentzündung, Hirnnervenausfall und sogar schweren Psychosen führen. Das Bakterium sei eine der Syphilis verwandte Spirochäte. Und wie diese schreckliche Geschlechtskrankheit ist die Infektion rezidiv, das heißt, die Krankheit verläuft in Schüben, die Symptome setzen zeitweilig aus, so dass der Patient glaubt, er sei auf dem Weg der Heilung, und dann kehren sie umso heftiger zurück. Das war natürlich erschreckend. Sonst kuriere ich meine Leiden vor allem mit Kräutern, Hitzeapplikation und Schlaf. Was aber sollte ich in diesem Fall machen, ich hatte schließlich eine Familie zu versorgen. Vor Jahren kam es bei mir, infolge einer Behandlung mit Antibiotika, zu einer Superinfektion, an der ich jahrelang schwer zu leiden hatte. Auch sonst war ich mir bewusst, dass die Antibiotika nur mit größter Vorsicht zu genießen sind, da sie einen massiven Eingriff in das körpereigene Immunsystem darstellen: Sie zerstören die symbiotische Darmflora, die ein wesentlicher Bestandteil der körpereigenen Abwehr ist; sie erzeugen ein pilzfreundliches Klima im Körper und begünstigen so Candida albicans und andere Pilzinfektionen; sie können allergischen Reaktionen bis hin zum seltenen, lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock auslösen. Das natürliche innere Ökosystem, das den Organismus normalerweise gegen Infektionen schützt, wird dabei gestört. Ich war innerlich hin- und hergerissen. War ich etwa paranoid, dass ich nicht die Antibiotika-Kur machen wollte? War es wirklich so, dass in diesem Fall kein Kraut der Krankheit gewachsen war? Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit drängte. Jeden Tag – so stellte ich mir es vor – breiteten sich die Spirochäten weiter aus und würden Gelenke, Gehirn und andere vitale Organe befallen. Ich las alles was ich zum Thema finden konnte. Da stieß ich im ärztlichen Handbuch für Diagnose und Therapie, „Consilium Cedip Practicum“ (1995) auf eine Statistik, die besagte, dass 23,8% der Waldarbeiter in Deutschland Antikörper gegen die Borreliose aufweisen, ohne dass sie überhaupt wissen, dass die jemals infiziert wurden. Eine Studie der American Medical Association (1995) stellte fest, dass nur die Hälfte der Patienten mit der Diagnose Borreliose tatsächlich darunter litt. Wenn das Immunsystem die Fähigkeit hat, Antikörper gegen diese Spirochäten produzieren, dann wäre es doch logisch, das Immunsystem mit allen Mitteln zu unterstützen. Da Antibiotika immun-suppressiv wirken können, also die körpereigene Abwehr dämpfen, schienen sie – so meine Schlussfolgerung – nicht unbedingt die geeigneten therapeutischen Mittel zu sein.

Naturheilkundliche Hilfsmittel
Die beste Kur wäre, die Immunkräfte so sehr wie nur möglich zu stärken. Folgende Maßnahmen würden dabei hilfreich sein:

1. Genügend Schlaf
2. Bewegung in frischer Luft und Sonnenschein
3. Eine ausgewogene Diät mit viel frischem Obst und Gemüse, vor allem Möhren und Rote Beete, die viel Karotinoide enthalten, die wichtig sind in der Bekämpfung von Infektionen. Ebenfalls viel Knoblauch, Bärlauch oder Zwiebel, deren schwefelhaltiges, ätherisches Öl (Allicin) eine antimikrobielle Wirkung aufweist und zugleich die Aktivität der Killerzellen erhöht.
4. Weitere Stärkung des Immunsystems durch Anwendung des purpurnen Sonnenhuts (Echinacheae). Als Unterstützungstherapie bei Borreliose verschreibt der bekannte amerikanische Phytotherapeut, Dr. James A. Duke, eine dreiwöchige Kur, in der man, pro Tag, jeweils 6 Kapseln zu je 450 mg des abwehranregenden Wurzelpulvers einnimmt.

Diese naturheilkundlichen Maßnahmen sind vernünftig. Sie wirken aber nur unterstützend. Ich glaubte nicht, dass sie in einem gravierenden Fall, wie einer Infektion mit Lyme-Borreliose, an sich genügen. Also ging ich zu meinem Freund und Nachbarn, den eher unorthodoxen, aber erfolgreichen Naturheiler, Dr. rer. nat. Gerhard Orth. „Ja, - sagte dieser, - ich habe schon eine ganze Reihe Patienten gehabt, die sich, trotz hochdosierter Behandlung mit Tetrazyklin, Penicillin, Erythromycin, Cephalosporin und anderen Antibiotika, im Rollstuhl in meine Praxis schleppten.“ Als er sah, wie erschrocken ich war, fügte er hinzu: „Keine Sorge, so weit braucht es nicht zu kommen!“ Dr. Orths Therapie bestand aus folgenden Maßnahmen:

1. Erstens, 2x täglich 5 Tabletten „Multiplasan“, mit reichlich Flüssigkeit einnehmen. Multiplasan, hergestellt aus mehreren, zu Pulver verriebenen und zu Pillen gepressten Kräutern, war ursprünglich – ich sage es mit vorgehaltener Hand – ein veterinäres Mittel zur Behandlung von Verdauungsstörungen bei Pferden. Ich analysierte den Inhalt dieser „Pferdemedizin“. Die Pillen bestehen fast ausschließlich aus Leberstoffwechsel anregenden und blutentschlackenden Pflanzen, von Schafgarbe bis zur Wegwarte. Das ist zweifellos eine sinnvolle Therapie: Es ist richtig bei Infektionskrankheiten die Leber in ihrer entschlackenden, stoffwechselfördernden Funktion zu unterstützen. Das inzwischen auch in der Schweiz erhältliche indische Präparat, Liv-52, bestehend aus Leberfunktion unterstützenden Kräutern aus dem hohen Himalaja, wäre, meines Erachtens, ebenso gut. Auch Schafgarbentee (3 Tassen/Tag), Löwenzahnwurzel, Tee aus den Stängeln der Wegwarte (Cichorium Intybus) oder Mariendistelpräparate würden ähnliche Wirkung haben.
2. Neben den Leberpillen, sollte der Patient jeden Tag bis zu einem Liter Goldrutentee – am besten eine Mischung der europäischen Goldrute (Soldiago virgaurea) und der kanadischen (S. canadiensis oder S. gigantea) – trinken. Der Tee (1 Eßl./Liter) wird heiß aufgebrüht, oder als Kaltwasserauszug acht Stunden lang mazeriert, ehe er dann getrunken wird. Das regt die Nieren an und schützt sie vor Reizung, die eventuell durch die Wachholderbeeren in der Multiplasan-Mischung entstehen könnte.
3. Das Einreiben des Körpers (3x täglich, vor allen in den Kniehöhlen und Armbeugen) mit dem aromatischen H-14 Öl. Das Öl besteht zu 3 Teilen aus Olivenöl und 2 Teilen ätherischen Ölen (Wachholderbeeren, Pfefferminz, Kalmus, Anis, Rosmarin, Kümmel, Fenchel, Eukalyptus, Zitrone, Melisse, Salbei, Citronella, Thymian, Zimt, Nelken). Das Öl wurde von Dr. Orth auf Grundlage der Forschung des französischen Mediziners und Pioniers der Aromatherapie, Dr. Jean Valnet, entwickelt. Diese ätherischen Öle, von der Haut aufgenommen, entfalten im Körper u.a. eine bakteriostatische (keimhemmende) Wirkung. Sie hemmen die Vermehrung der Borrellien.
4. Zusätzlich verschreibt Dr. Orth 0,5 g Propolis-Pulver (Bienenharz, reich an Benzencarbon- u. Phenylacrylsäuren, Benzyl- u. Phenylalkohole und Flavonide) mit 0,5 g Zimt, einzunehmen in Apfelbrei oder Joghurt. Auch hier wird eine antimikrobielle Wirkung erzielt.

Ich folgte Dr. Orths Rat und merkte auch, dass es mir besser ging. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Borrilien noch immer in mir lauerten und auf den passenden Moment warteten, wenn wieder einmal meine Immunlage geschwächt war, so dass sie sich erneut ausbreiten könnten. Zu einem späteren Zeitpunkt ließ mir Monika Falkenrath ihr aufschlussreiches Buch Volkskrankheit Borreliose zukommen. (Falkenrath 2003) Dieses Buch, in dem es um ihre persönliche Erfahrung mit der Borrelioseerkrankung und möglichen naturheilkundlichen Behandlungsmaßnahmen geht, bestätigte meine intuitiven Bedenken gegen eine Antibiotika-Kur. Frau Falkenrath zitiert den amerikanischen Mediziner Richie C. Shoemaker, MD, der die These vertritt, dass es nicht die Borrelien selber sind, die die verschiedenen Symptome und Beschwerden hervorrufen, sondern die von ihnen ausgeschiedenen Abfallprodukte, die „Bio- oder Neurotoxine“. Neurotoxine aktivieren die übermäßige Ausschüttung von entzündungsfördernden Zytokinen. Trifft das zu, dann erweisen sich die Entgiftungstherapien – leberstoffwechselanregende pflanzliche Mittel, wie Dr. Orths Multiplasan, Liv 52 und insbesondere die Kardenwurzel – als eine durchaus vernünftige Behandlungsweise. Shoemaker schreibt, dass die Antibiotika zwar die Borrelien bekämpfen, nicht aber die Neurotoxine, die diese produzieren: „Wir verwerfen alte nutzlose Diagnosen, etwa der ‚Fibromyalgie’ und alte nutzlose Vorstellungen wie ‚die Lyme-Borreliose kann mit dreiwöchiger Antibiotikagabe ausgeheilt werden’“. Zudem weisen diese Spirochäten Perioden der Inaktivität auf, während der die Antibiotika unwirksam sind . Auch kapseln sie sich ab (cystic forms), wenn das Milieu für sie schädlich oder gefährlich wird. Frau Falkenrath kommt zu dem Schluss, dass eine ganzheitliche Kombination von mehreren naturheilkundlichen Methoden als Therapie sinnvoller ist, als die gegenwärtige schulmedizinischen Methoden.

Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen
In meinen Studien als Ethnologe wurde ich immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass bei den meisten Völkern – wie auch einst bei den Europäern – die Überzeugung besteht, dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen sei. Dieser Glaube wurde in der westlichen Welt erschüttert, als sich die, von Columbus aus der Karibik eingeschleppte Lustseuche (Syphilis) rapide epidemisch verbreitete. Weder die Kräuter der alten Kräuterfrauen noch die der Klosterbrüder konnten der schrecklichen Seuche Einhalt bieten. Weder die erweichenden, lindernden „Venuspflanzen“, wie Malve, Wegerich oder Schafgarbe, noch die konträr eingesetzten „Marspflanzen“, etwa die adstringierende Eichenrinde oder die entschlackende Brennnessel, konnten die venerische Krankheit aufhalten. Schließlich griff man zu den giftigen Quecksilberpräparaten der arabischen Alchemie – so wurde die chemische Medizin geboren. Diese „sarazenische Salbe“, die ursprünglich gegen Hautparasiten und -pilz eingesetzt wurde, drängte die Syphilis zurück, aber ihre Nebenwirkungen waren fast so schlimm wie die Krankheit selber. Trotz all dem gab es keinen wirklichen Grund zur Ablehnung einer pflanzlichen Therapie, denn die Indianer der Karibik behandelten die Syphilis mit einer Kombination von heißen Schwitzbädern, besonderer Diät und Abkochungen aus dem Harz des Pockenholz- oder Guajakholzbaumes (Guajacum officinale). Inzwischen zeigen Studien, dass Schwitzbäder, die die Körpertemperatur auf 42° C steigern und das Trinken großer Mengen der Guajakumabkochung durchaus imstande sind, die Syphilis-Spirochäten im Körper abzutöten. Das vom Handelshaus Fugger eingeführte Guajakholz entbehrte jedoch das wirkstoffhaltige, grün-braune, zähflüssige, herbbittere Harz; auf die anstrengende Überhitzungstherapie, sowie auf diätetische Maßnahmen wurde verzichtet. Diese schienen zu kompliziert oder „heidnisch“. Es ist also kein Wunder, dass man sich endgültig von phythotherapeutischen Heilmitteln verabschiedete. Theoretisch könnte man diese Syphilistherapie (Guajakum, Schwitzbad, Diät) auch bei der Borreliose einsetzen, da es sich um eine ähnliche, remittierende, durch Spirochäten verursachte Infektion handelt. Die Amerikaner sprechen ja auch nicht ohne Grund von der Krankheit als„Reh-Syphilis“ (deer syphilis). In der Phytotherapie wird das Pockenholz gelegentlich noch immer bei Gelenkrheuma, Arthritis und Hautkrankheiten eingesetzt. (Dosierung: 1g Harz auf 250ml Wasser, schluckweise trinken. Oder, Tinktur 20-30 Tropfen täglich einnehmen). Leider ist Guajakumharz von guter Qualität schwer zu bekommen. Vielleicht, überlegte ich, gibt es ein anderes Kraut, das der Krankheit gewachsen ist, ein Kraut, das bei uns wächst und leichter zu handhaben ist.

Die Reh-Syphilis
In dem sachkundigen Buch "The Book of Herbal Wisdom", des amerikanischen Phytotherapeuten, Matthew Wood, wurde ich fündig. Wood, ein Experte der altüberlieferten, chinesischen Pflanzenmedizin, erkannte, dass die Chinesen die Karde (Dipsacus asper oder D. japonica) bei einem Symptomkreis anwenden, der ganz demjenigen der Borreliose entspricht. Sie nennen das Skabiosengewächs, Xu Duan („Wiederherstellung dessen, was zerbrochen ist“) und benutzen es bei traumatisierten Gelenken und Muskeln. Es gilt als eines der besten Mittel für die Stärkung der „Nierenessenz“ (Jing) und des „Leber-Bluts“. Wenn das Jing, dessen Sitz die Niere ist, schwach wird, dann werden unterer Rücken und Kniegelenke schwach, steif und tun weh. Wenn das Leber-Blut mangelhaft ist, dann werden Muskeln und Sehnen geschwächt, sie verspannen sich und werden anfällig für Inflammation. Nach Ansicht der chinesischen Medizin zerstört die Syphilis die Nierenessenz. Das wiederum führt zur Zerstörung der Knochen, Gelenke und des Knorpels. Psychisch hat das zur Folge, dass der Mensch seinen Halt verliert, „er bricht auch seelisch zusammen“. Nach Matthew Wood, ist die Lyme-Borreliose, die „deer-syphilis“, eine moderne Form des „syphilitischen Miasmas“ (nach Hahnemanns homöopathischer Miasmalehre). Nach Wood regen die, von den Zecken übertragenen Spirochäten bei den Rehböcken das Wachstum des Geweihs an, beim Menschen jedoch wirken sie wie eine syphilitische Infektion, sie produzieren chronische Inflammation der Muskeln und Gelenke. Diesen Hinweis aus der chinesischen Medizin folgend, entwickelte Wood eine alkoholische Tinktur aus der Wurzel der einheimischen Karde (Dipsacus sativa; D. fullonum, D. sylvester). Damit behandelte es die Borreliose-Fälle in seiner Praxis. Der erste Fall, den er behandelte verlief dramatisch. Eine Frau, mittleren Alters, die fünf Jahre nach ihrer Ansteckung arbeitsunfähig und invalid war, reagierte nach zweiwöchiger Einnahme der Tinktur, zuerst mit einem genitalen Ausschlag. Nach dreieinhalb Wochen fühlte sie sich bedeutend wohler. Alle vier darauf folgenden Blutuntersuchungen erwiesen sich als negativ; in anderen Worten, es waren keine Spirochäten mehr nachweisbar. Die Patientin sprach die Vermutung aus, dass die Wirkung der Karde auch das Autoimmunsystem aktiviert. Beim zweiten Fall handelte es sich ebenfalls um eine arbeitsunfähige Frau mit diversen Symptomen, die von heftigen Muskelschmerzen und Vaginitis bis zu Depressionen reichten. Auch hier löste die Tinktur zuerst einen Ausschlag aus, gefolgt von einer Heilung. Als dritten Fall, behandelte er eine Frau, die seit sechs Jahren infiziert war und die typischen Symptome aufzeigte: Muskel- und Gliederschmerzen, chronische Müdigkeit und Verlust an geistiger Klarheit. Das Einnehmen der Tinktur führte zuerst zu einer Verschlechterung der Symptome, gefolgt von einem Hautauschlag und anschließend einer Besserung. Die weiteren Fälle, die Matthew Wood erwähnt, verliefen ähnlich.

Der Bericht Woods faszinierte mich. Im Spätsommer 2001, unterrichtete ich einen Phytotherapiekurs für die „Schule für angewandte Naturheilkunde - Zürich“ im ländlichen Ungarn. Da dort viele kräftige Karden wuchsen, ließ ich die Studenten die Wurzeln graben und die Tinktur herstellen. Dabei ließen wir die „Nebensächlichkeiten“ nicht außer acht. In der Ayurveda und anderen Heilertraditionen, wird darauf geachtet, dass man das Heilmittel in einer guten geistigen Gesinnung, verbunden mit Bittgesang und Opfer, herstellt. Wir dankten dem „Geist“ der Pflanze und räucherten mit dem alten Schamanenkraut Beifuss. Zuhause gab ich die so gewonnene Tinktur einigen Borreliose-Patienten, die mir bestätigten, dass es ihnen daraufhin viel besser ginge. Vor allem aber, probierte ich die Tinktur im ayurvedischen Selbstversuch aus. Die indische Heilkunde (Ayurveda) studiert die Wirkung eines Arzneimittels nicht in Tierversuchen, sondern am eigenen Leib, mittels genauster Selbstbeobachtung. Ein anderer Patient, ein Meister der Meditation, der ebenfalls mit Borreliose infiziert war und an Gelenkschmerzen litt, schloss sich dem Selbstversuch an. Über eine Woche hinweg, aßen wir nur wenig und nahmen jeden Tag einen Teelöffel der äußerst bitteren Wurzeltinktur ein. Dann versenkten wir uns in meditative Beobachtung, wobei wir das Bewusstsein ganz auf den Körper und den psycho-somatischen, sowie energetischen Reaktionen richteten. Den äußerst bitteren Geschmack empfand man als einen Schock, der reflexartig die Verdauungsdrüsen anregte; dann – auf einer eher energetischen Ebene – kam es einem vor, als strahle eine Energie zentrifugal, von innen her hinaus, bis über die Hautoberfläche. Es war als schossen spitze Energiepfeile in allen Richtungen aus dem Körper heraus. Mein Begleiter bestätigte das auch für sich. Wahrscheinlich ist es diese, von Innen her wegstrebende Energie, die für den von Wood erwähnten Ausschlag – als Vorbote der Besserung – verantwortlich ist. Man hatte den Eindruck, als würden die schädlichen Keime förmlich herausgedrängt. Plötzlich kam mir auch die Physiognomie der Kardenpflanze in den Sinn: Stängel, die Unterseite der Blattadern, ja selbst die Blüten sind mit spitzen Auswüchsen übersät. Nach Rudolf Steiner und den anthroposophischen Botanikern sind Stachel und Dornen sichtbare Äußerungen zurückgestauter, nach außen strahlender ätherischer Kräfte: „Manchmal zieht sich dieses Ätherische in Stachel oder Dornenbildung in sich zusammen und behält als freie Ätherkräfte in seiner Region, was es nicht in die Blatt- oder Sprossbildung hat hineinschießen lassen. Heilmittel aus solchen Pflanzen können darum die menschliche ätherische Organisation stark anregen und dadurch vitalisierend wirken.“ Und genau so schien es auch: In der meditativen Selbstbeobachtung erlebten wir, wie diese ätherischen Energien im Mikrokosmos des Leibes befreit wurden und, indem sie nach außen strahlten, die pathogenen Organismen energetisch „hinausdrückten“.

Steckbrief und Signatur der Karde (Dipsacus sylvestris) Andere Arten, die ebenfalls wirksam sind: Weberkarde (Dipsacus fullorum; D. sativus), (Bei der Weberkarde handelt es sich um die zum Zweck des Wollkämmens weitergezüchtete Wilde Karde); behaarte Karde (D. pilosus); schlitzblättrige Karde (D. laciniatus). Weitere Benennungen: Rauhkarde, Walkerdistel, Weberdistel, Strähl, Webersträhl, Igelkopf, Kratzkopf, Tuchkart, Kämme, Krempeltestel, Kardätschendistel; engl. teasel (von tease =“necken“, d.h., die Wolle necken), brushes and combs; franz. chardon à foulon. Die meisten dieser Namen beziehen sich auf die Anwendung der getrockneten Blütenköpfe in der Textilverarbeitung. Sie werden eingesetzt um Wolle und andere Textilfasern zu strählen („krempeln“, „kardätschen“; Kardätsche = Fachausdruck für „Wollkamm“), damit sie gesponnen werden kann. Auch zum Noppen (Aufrauen) von Lodenstoffen wird sie benutzt. Aus diesem Grund wurde sie seit über Tausend Jahre lang in Europa angebaut. Das Wappen der englischen Tuchmacherzunft besteht aus drei überkreuzten Karden. Venusbecken, Frau Venus Bad, Immerdurst, Unserer lieben Frau Waschbecken (bezieht sich auf die am Grunde Paarweise miteinander verwachsenen Stängelblätter, die eine Art Becken bilden, in denen sich Regenwasser sammelt.) Familie: Kardengewäschse (Dipsacaceae). Zu dieser Familie gehören die Witwenblumen, der Teufelsabbiss und die Skabiosen. Botanische Merkmale: Die Karde, die gerne auf Schuttplätzen oder an sonnigen Böschungen als Ruderalpflanze wächst, ist trotz ihres stacheligen Aussehens keine Distel, wie viele glauben mögen. Sie ist zweijährig; im ersten Jahr sammelt sie als Rosette die Kraft, um im zweiten Jahr dann ein bis zwei Meter hoch in die in die Blüte zu schießen. Zahlreiche Blüten machen den eiförmig-zylindrischen Blütenstand aus. Der Blütenkopf hat trockene, lange, vorn hakig gekrümmte Blütentragblätter. Der biologische Sinn dieser lange nach der Reife erhalten bleibenden, langen, mit Häkchen versehenen Tragblätter ist es, dass sie nach der Berührung vorbeistreifender Tiere elastisch zurückfedern, wobei die Samen meterweit aus den Blütenkopf heraus katapultieren. Signatur: Die Karde besitzt folgende Merkmale (Signaturen), die sich geradezu als auf die Borreliose bezogen anbieten: Ungewöhnlich ist die Folge des Abblühens der unzähligen, kleinen, lila-rötlichen Blüten des zusammengesetzten Blütenkopfes: Auf halber Höhe des eiförmigen Köpfchens beginnt eine ringförmige Zone zu blühen. Dieser rötliche Ring teilt sich und wandert dann, in Zuge des Abblühens, gleichzeitig nach oben und nach unten. Es zeigt sich eine klare Signatur, ein überzeugendes Abbild, der wandernden Röte, der Erythema migrans, die als erstes Symptom der Borreliose-Infektion erscheint! Der lateinische Gattungsname Dipsacus beruht auf das griechische dipsan akeomai („ich bekämpfe den Durst“). Die gegenständlichen Blätter verwachsen nämlich an ihrer Basis und formen dadurch Becken, die sich mit Regenwasser füllen. Schon die Römer nannten dieses Becken das „Venus-Becken“ (labrum veneris). Man benutzte das angesammelte Wasser – insofern es nicht von ertrunkenen Insekten verseucht war – als Schönheitsmittel, als Gesichtswasser, Sommersprossenmittel oder Augenwasser. Wie andere Ärzte des Mittelalters und der Renaissance, glaubte Nicolas Culpeper an die „reinigende Qualität“ (cleansing faculty) dieses „Venuswassers“. Mein persönlicher Eindruck ist es, dass diese reinigende Qualität mehr auf energetischer (ätherischer) Ebene zu verstehen ist, als auf einer mechanisch-physikalischen Ebene. Wie bei den Bach Blüten-Essenzen, wird das Wasser energetisch aufgeladen, und wirkt somit reinigend auf die persönliche Ausstrahlung. Matthew Wood sieht in dem „Venusbecken“ die Signatur der Niere. Das „Venus-Organ“ ist lebenswichtig, indem es u.a. toxische Schlacken und Giftstoffe ausleitet. Wie oben erwähnt, produziert die Niere – nach Auffassung der chinesischen Medizin – aber auch die „Nierenessenz“, welche die Nieren- und Leberfunktion tonisiert und Knochen, Bindegewebe und Knorpel nährt. Inhaltsstoffe: Die Wirkstoffe der Karde sind wenig erforscht. Sie enthält Iridoide, Saponine, Kaffeesäurederivate, Kalisalze und das Glykosid Scabiosid. Heilindikationen: harn-, galle- und schweißtreibend, entschlackend, verdauungsfördernd. Gicht, Arthritis, Rheuma, Wassersucht; Hautkrankheiten wie Dermatose, Furunkulose, Akne, usw., die von einer schlechten Funktion des Verdauungsapparats herrühren. Borreliose. Zubereitung: Tee: 1 Teelöffel zerkleinerte Wurzel oder Wurzelpulver pro Tasse, kurz aufkochen, auf nüchternen Magen trinken. Tinktur: Die frisch geerntete Wurzel, samt Blattherz, wird gesäubert – aber nicht geschält, da die Wurzelrinde die meisten Wirkstoffe enthält – dann sorgfältig zerkleinert, dicht gepackt in ein Schraubglas gefüllt und mit Korn oder Wodka übergossen. Nachdem das Glas für 3 Wochen an einem warmen Ort mazerierte, ist der Auszug fertig. (Schneller geht es, wenn man die frische Wurzel im Mixer zermanscht und dann übergießt: In dieser Form kann man die Tinktur schon am nächsten Tag einnehmen.) Dosierung: Mathew Wood sieht die Tinktur, dank seines homöopathisch orientierten Ansatzes, vor allem als „Information“ an den Organismus. Aus diesem Grund gibt er eine niederige Dosierung an: 3 Tropfen, 3x am Tag. Meiner Ansicht nach ist eine höhere Dosierung, etwa 3 Esslöffel, 3 mal am Tag, vor den Mahlzeiten, wirksamer. Am besten ist es, wann der Patient seine Tinktur selber herstellt oder eine sichere Bezugsquelle hat. Berichten zufolge sind die in manchen Apotheken hergestellten Tinkturen einfach zu schwach, sie enthalten zu wenig Wurzel und zu viel Alkohol. Auch sollte die Kur mit gesunder Ernährung, vernünftigen Lebenswandel und dem Einreiben mit ätherischen Ölen in Olivenöl unterstützt werden. Vor allem aber sollte eine Überhitzungstherapie (Sauna, Schwitzhütte, heiße Moorbäder, Schlenzbäder und ähnliche Maßnahmen, die die Körpertemperatur vorübergehend auf 42° C erhöhen) die Kur begleiten. Diese künstliche Hyperthermie wirkt scheißtreibend und immunmodulierend. Das Schwitzen kann durch Trinken eines Lindenblüten- oder Holunderblütentees unterstützt werden. Nach dem Schwitzen, in Decken einpacken und Bettruhe. Sammel- und Erntezeit: Die Wurzel der zweijährigen Pflanze, wird im Herbst, Winter oder Frühling, ehe sie aufstängelt, geerntet. Die Karde lässt sich gut im Garten anbauen.

Die Wurzelkur
Bei einem Heilpflanzenkurs in Bayern erzählte ich von der vielversprechenden Kardenwurzeltinktur zur Behandlung der Borreliose. Da meldete sich eine stämmige, ältere Kräuterfrau und Heilpraktikerin zu Wort. Sie sagte, sie wisse das schon seit langem. Sie benutze aber die Wurzel als Tee, um Arthrosen und rheumatische Gelenke zu behandeln. Sogar bei Spondylarthritis (Entzündung der Wirbelgelenke) hätte sie damit Erfolg. Die dreiwöchige Rosskur besteht aus einer Woche Fasten, eventuell mit Rohkost, wobei der äußerst bittere, reinigende Tee (1 Tl./Tasse, überbrühen, ziehen lassen, nicht süßen) während der Zeit schluckweise, bis zu drei Tassen am Tag, getrunken wird. Nach einer Woche fängt der Patient wieder an Mahlzeiten zu sich zu nehmen, aber trinkt den Tee noch für zwei weitere Wochen. Bei Borreliose, meinte sie, sei es angebracht, vorsichtshalber jeden Monat mit einer ein- bis dreitägigen Wurzeltee-Kur nachzubehandeln (ohne dabei unbedingt zu fasten). Die Spirochäten seinen auf die Mondrhythmen eingestimmt, und hätten alle 28 Tage Vermehrungsschübe. Angeregt durch den Bericht der Kräuterfrau, forschte ich nun in der überlieferten europäischen Heilkunde. Dabei fand ich heraus, dass die Kardenwurzel schon seit langem als reinigend und entgiftend, bei Gicht, Arthritis, Rheuma, Wassersucht, Dermatose, Furunkeln, Lebersucht und Akne gilt. Innerlich wirkt die Kardenwurzel stark harn- , galle- und schweißtreibend, sowie Leberstoffwechsel anregend. Die italienische Volksmedizin kennt, zu diesem Zweck, ein Dekokt (Abkochung), wobei die zerkleinerte Wurzel kurz aufgekocht wird (2 g auf 100 ml Wasser) und am Morgen auf nüchternen Magen getrunken wird. In der Renaissance wurde die Wurzel in Wein gekocht, zu Brei zerstampft und „in den Spalten des Unterkörpers, gegen Warzen und Fisteln“ äußerlich appliziert. Weitere Forschung und klinische Untersuchungen sind vonnöten. Selbstverständlich hätte ich noch nachträglich eine Blutuntersuchung machen sollten, um zu sehen, ob sich Antikörper gebildet haben oder noch Spirochäten vorhanden sind. Mir ging es aber dann so gut, dass ich das auf die lange Bank schob. Dieser Beitrag soll lediglich einen möglichen Weg zur phythotherapeutischen Behandlung der Lyme-Borreliose aufzeigen. Ich bin, für meinen Teil, der Karde sehr dankbar.


>>> Zu einem weiteren Bericht über Wolf-Dieter Storl*

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